Wie vielfältig und anwendungsnah an der Ernst-Abbe-Hochschule (EAH) Jena geforscht wird, zeigte der diesjährige Tag der Forschung am 28. Oktober. Das ServiceZentrum Forschung und Transfer (SZT) hatte Forschende, Studierende und weitere Interessierte eingeladen, aktuelle Entwicklungen, Projekte und Transferansätze kennenzulernen. Fachvorträge, Projektpräsentationen und Führungen boten zugleich Gelegenheit zum Austausch.
Nach der Eröffnung durch Prof. Dr. Kristin Mitte, vorläufige Leiterin der EAH Jena, standen drei Themen im Mittelpunkt: die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, offene Wissenschaft und Forschungsinfrastrukturen für den Praxistransfer.
Eigenständiges Promotionsrecht eröffnet neue Perspektiven
Ein wichtiger Meilenstein für die Hochschule ist das im Juli 2026 verliehene eigenständige Promotionsrecht. Thomas Schmidt stellte das neue Promotionszentrum „Enabling Technologies for Industry, Health & Society“ vor und erläuterte dessen interdisziplinäre Ausrichtung. Damit kann die EAH Jena erstmals eigenständig Promotionsverfahren durchführen und Doktorgrade verleihen. Das zunächst auf acht Jahre befristete Recht stärkt die anwendungsorientierte Forschung und eröffnet neue Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Wie breit das Themenspektrum ist, zeigten drei Promotionspitches: Fei Wang stellte Forschungsansätze zu optischen Nanostrukturen vor, Ruben Saitz präsentierte Möglichkeiten zur kontaktlosen Erfassung von Vitaldaten und Lydia Meißner beleuchtete die wissenschaftliche Zusammenarbeit aus psychologischer Perspektive.
Open Science: Wissen teilen, Forschung öffnen
Auch die Öffnung wissenschaftlicher Prozesse gewinnt an Bedeutung. Henrieke Walter stellte die Open-Science-Aktivitäten der Hochschule vor, die auf der 2021 verabschiedeten Open Science Policy aufbauen. Unter dem Leitgedanken „So offen wie möglich, so geschlossen wie nötig“ geht es darum, Forschung transparenter und zugänglicher zu machen – von frei verfügbaren Publikationen und Forschungsdaten bis zu offenen Lehrmaterialien und Wissenschaftskommunikation.
Erstmals verlieh die EAH Jena in diesem Rahmen das Open Science Badge. Ausgezeichnet wurde Prof. Dr. Christoph Koch für sein Engagement für eine offene Wissenschaftskultur. In seinem anschließenden Vortrag präsentierte er ein Citizen-Science-Projekt zur Untersuchung von Nähr- und Schadstoffen in privaten Gärten. 241 Bodenproben aus Thüringen wurden dafür von Bürgerinnen und Bürgern eingesandt. Das Beispiel zeigt, wie sich wissenschaftliche Datenerhebung und gesellschaftliche Beteiligung verbinden lassen.
Studentischer Posterwettbewerb: Nachwuchsforschung im Fokus
Auch die Forschung des wissenschaftlichen Nachwuchses erhielt eine eigene Bühne. Beim studentischen Posterwettbewerb wurden drei Arbeiten ausgezeichnet. Den ersten Preis (300 Euro) erhielten Merlin Krause und Leonie Hecktor aus dem Masterstudiengang Pharma-Biotechnologie für ihre freie studentische Forschungsarbeit „Die Zahnfee aus der Insektenzellkultur“. Der zweite Preis (200 Euro) ging an Hannes Hempel aus dem Bachelorstudiengang Feinwerktechnik für seine Arbeit zur Entwicklung und Charakterisierung von Multimaterialbauteilen aus extrusionsbasierter Fertigung. Sebastian Paul, Bachelorstudent im Maschinenbau, belegte mit seinem Poster zum „Akustischen Verhalten eines Ventilatorprüfstands“ den dritten Platz (100 Euro).
Reallabore bringen Forschung in die Anwendung
Am Nachmittag rückte der Transfer in die Praxis in den Fokus. Christian Enderl vom Verbundprojekt Nucleus Jena führte in das Konzept der Reallabore ein und moderierte die Vorstellung zweier Forschungsinfrastrukturen der EAH Jena: des Reallabors Nahversorgung und des SmartEnergyLab Jena. Beide ermöglichen es, technische und organisatorische Lösungen unter praxisnahen Bedingungen zu erproben und weiterzuentwickeln.
Wie digitale Technologien zur Sicherung der Nahversorgung beitragen können, zeigten Anna Dietzel und Andreas Jewtschuk. Gerade in ländlichen Regionen stellen der Rückgang kleiner Geschäfte und längere Wege zum Einkauf eine Herausforderung dar. Im Reallabor Nahversorgung untersucht die Hochschule deshalb neue dezentrale Versorgungskonzepte. Ein eigens eingerichteter miniaturisierter Verkaufsraum dient dazu, unter anderem elektronische Preisschilder, Self-Checkout-Systeme und KI-gestützte Lösungen zur Bestandsüberwachung und Kaufabwicklung zu testen. Neben technischen Möglichkeiten fließen auch die Erfahrungen und Anforderungen von Kundinnen, Kunden und Geschäftsbetreibenden in die Forschung ein.
Das SmartEnergyLab Jena widmet sich einer anderen zentralen Zukunftsfrage: Wie lässt sich eine zuverlässige Energieversorgung trotz schwankender Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie sicherstellen? Prof. Dr.-Ing. Matthias Schirmer und Katherin Morales stellten das Laborsystem vor, in dem das Zusammenspiel von Energieerzeugung, Speicherung und Verbrauch untersucht wird. Im Mittelpunkt stehen Batteriespeicher, flexible Verbrauchssteuerung und die intelligente Koordination der Systemkomponenten. Künftig sollen auch datenbasierte Verfahren und künstliche Intelligenz die Prognose von Energiebedarfen und die Entwicklung neuer Steuerungsstrategien unterstützen. Das SmartEnergyLab ist Teil des Nucleus-Jena-Teilvorhabens „Batteriesysteme für Klimaschutz“.
Ergänzend stellte Dr. Michael Biermann das StartUpLab Jena vor. Unter dem Leitgedanken „Von der Idee zum Impact“ unterstützt es Studierende und Hochschulangehörige dabei, Forschungsideen in Prototypen und mögliche Geschäftsmodelle zu überführen. Moderne Fertigungstechnologien, Rapid Prototyping und interdisziplinärer Austausch helfen, die technische Machbarkeit frühzeitig zu prüfen. Als zentrale Anlaufstelle für Gründungsinteressierte bündelt das StartUpLab zudem die Unterstützungsangebote der Hochschule.
Forschung zum Anfassen und im Austausch
Bei anschließenden Rundgängen konnten die Teilnehmenden das Reallabor Nahversorgung, das SmartEnergyLab und das StartUpLab direkt vor Ort kennenlernen und mit den verantwortlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch kommen. Auch Nucleus Jena informierte an einem eigenen Stand über seine Forschungs- und Transferaktivitäten sowie Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Der Tag der Forschung machte deutlich, wie unterschiedlich die Ansätze an der EAH Jena sind und was sie verbindet: Forschung, die wissenschaftliche Fragestellungen mit konkreten Herausforderungen aus Industrie, Gesundheit und Gesellschaft verknüpft. Der Austausch zwischen den Disziplinen und mit Praxispartnern ist dabei ein wesentlicher Baustein, um aus Erkenntnissen neue Lösungen entstehen zu lassen.