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Erfahrungsbericht Paraguay 2019

Zehn Monate Leben und Studieren in Paraguay

Im Rahmen der Kooperation der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, des DAAD und der Universidad del Cono Sur de las Americás (UCSA) konnten wir zwei ganze Semester in Asunción (Paraguay) studieren. Am 01. März 2019 sind wir bei Sonnenschein und sehr heißem Wetter nach 16 Stunden Anreise gelandet und wurden direkt von Mirna Villalba in Empfang genommen. Sie ist an der UCSA für das Wohlbefinden der Studenten zuständig und war die gesamten zehn Monate für uns da und hat für alle Probleme stets eine Lösung gefunden. Zu Semesterbeginn wurden wir vom Rektor und Dekan begrüßt, uns wurde alles erklärt und jeder vorgestellt, mit dem wir eventuell etwas zu tun haben könnten. Auch war bei dem Treffen jemand dabei, die – zu unserem Glück – fließend Deutsch konnte und vor allem am Anfang vermittelt und übersetzt hat. Somit ist es glücklicherweise nie zu Missverständnissen gekommen und uns konnte, gerade am Anfang, immer direkt geholfen werden.  

Das Studieren war dort anders. Anders in ganz vielen Sinnen. Zum einen werden nur früh morgens (8 Uhr bis 11 Uhr) und spät abends (ca. 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr) Vorlesungen gehalten, damit man nicht bei 40 Grad studieren muss. Da aber jeder Raum klimatisiert war, stellte das kein großes Problem da. Problematischer war, wenn man nicht warm genug für die Klimaanlage angezogen war. Anders war auch, dass man im klassischen „Unterrichtsstil“ unterrichtet wurde. Vorlesungen und Übungen war nicht getrennt und die Professoren sowie das ganze Personal haben einen persönlich und bei Namen gekannt. Es war sehr vertraut und persönlich, eine wirklich schöne Atmosphäre zum Lernen. 
Anders waren auch die Zusammensetzungen der Noten. Für jedes Fach galt, dass es nach vier Wochen eine Zwischenprüfung gibt, sozusagen eine Zusammenfassung der ersten Lehrinhalte. Am Ende gab es in jedem Fach eine Endprüfung und was auch in jedem Fach zu erbringen war, war eine Hausarbeit. Die Hausarbeit hat jeder Professor unterschiedlich gestaltet. Pro Semester belegten wir 5 Fächer, das bedeutet insgesamt 20 Prüfungen und 10 Hausarbeiten in 10 Monaten. Auch wenn es sich zu Anfang viel anhört, kam es durch das ständige Lernen zu weniger Aufwand und Stress bei der finalen Prüfungsvorbereitung. Da wir jedoch alle Fächer auf Spanisch geschrieben haben, waren vor allem die ersten Zwischenprüfungen sehr nervenaufreibend, aber auch hier war die UCSA uns zur Hilfe geeilt. Wir mussten zwar alle Prüfungen mitschreiben, falls aber eine nicht so gut lief, durften wir sie bei einem Nachschreibetermin nochmals mitschreiben und die erste würde nicht gewertet werden. 
Ein weiterer Unterschied ist, dass man dort für jede Prüfungsanmeldung und für das Prüfungspapier bezahlen musste. Etwas, das für uns, die in Deutschland zur Schule gegangen sind und angefangen haben zu studieren, ganz neu war. Dank des Stipendiums des DAADs mussten wir nicht für die Prüfungen zahlen und auch die Aufwendungen für das Papier waren sehr niedrig, trotzdem etwas, was neu und ungewohnt für uns war. 
Mit unserem Kurs „Wirtschaftsgeografie“ haben wir auch einen Ausflug zu ITAIPU (eines der größten Wasserkraftwerke der Welt) gemacht und andere Firmen in Paraguay besucht. Auch hier wurde sehr viel Rücksicht genommen, dass wir alles verstehen und eine schöne Zeit mit viel Ereignissen haben. 
Die Zeiten von langen Wochenenden und Ferien haben wir genutzt, um Paraguay und die umliegenden Länder ein bisschen zu besichtigen, was wundervolle Erfahrungen waren. So konnten wir Santiago de Chile in Chile, Córdoba und Buenos Aires in Argentinien erkunden. 
Was man auch nicht vergessen darf, ist, dass wir in dieser Zeit in einem anderen Kulturkreis gelebt haben. So gab es zum Beispiel an Ostern keine Ostereiersuche (obwohl Schokoladenosterhasen verkauft werden) und in der Adventszeit keine Adventskränze, Adventskalender, Nikolaus oder ähnliches. Es war zudem sehr interessant, die Vorweihnachtszeit bei 38°Grad mit künstlichen Weihnachtsbäumen zu erleben. Dafür gab es wunderschöne selbstgemachte Krippen und andere Traditionen. Das ganze Jahr über haben wir immer wieder Neues gelernt und andere mit deutschen Traditionen zum Lachen gebracht. 
Was in Paraguay eine Herausforderung war, war der Fakt, dass es ein bilinguales Land ist und zu gleichen Teilen Spanisch wie auch Guaraní gesprochen wird. Guaraní ist die Sprache der indigenen Bevölkerung und hat dadurch absolut keine Ähnlichkeiten zu Sprachen, die wir Europäer kennen. Daher war es nicht einfach, wenn mal eben so in der Vorlesung ein Guaraní-Wort fällt oder Fremde einen auf Guaraní ansprechen. Vor allem am Anfang, wo selbst Spanisch noch fremd war, zu vermitteln, dass man kein Guaraní spricht. Sobald jemand den Fakt bemerkt hat, wurde wie selbstverständlich ins Spanische gewechselt, sodass wir auch alles verstehen konnten. 
Was uns am Meisten beeindruckt hat, war die unendliche Gastfreundlichkeit. Uns wurde in jeglicher Lebenssituation geholfen, wir wurden nie allein gelassen und jeder hat uns zum Grillen eingeladen und die Möglichkeit geboten, die Familie kennenzulernen, von anderen wurden wir sogar zu Ausflügen oder Urlauben eingeladen. 
Es war auch eine neue Erfahrung, jemandem in einer fremden Sprache Schnee zu erklären, wenn das Gegenüber Schnee nur von Filmen kennt. Oder in einem Land, in dem es keine Eisenbahn mehr gibt, die Deutsche Bahn zu erklären. 
Apropos Deutsche Bahn, öffentliche Verkehrsmittel gestalteten sich durchaus etwas anders als in Deutschland. Wir Deutschen sind es gewohnt, uns an Fahrplänen orientieren zu können. In Paraguay ist das nicht ganz so einfach. Fahrpläne gibt es nicht, man muss einfach wissen, in welchen Bus, an welcher Stelle und zu welcher Zeit man einsteigen muss, um von A nach B zu kommen. Früher oder später hat man dann aber gelernt, gut damit umzugehen. Aber auch das hat die Zeit insgesamt einfach zu einem größeren Abenteuer gemacht, als es so schon war. 
Natürlich war nicht alles einfach und es gab viele Herausforderungen, aber um ehrlich zu sein, können wir uns nicht direkt an diese erinnern. Die schönen Erlebnisse überwiegen. Wenn wir jetzt an die Zeit zurückdenken, denken wir an unglaublich schöne Sonnenauf- und untergänge, neben einer Palme am Fenster wach zu werden, viele nette Menschen zu treffen, neue Dinge zu Essen und neue Traditionen kennenzulernen. 
Es waren zehn Monate, die sehr eindrucksvoll waren und uns die Möglichkeit gegeben haben zu wachsen und uns selbst besser kennenzulernen. Zehn Monate, für die wir sehr dankbar sind, sie erlebt haben zu dürfen. 
Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals bei allen herzlich bedanken, die es uns ermöglicht haben, solch ein außergewöhnliches Jahr in Paraguay verbringen zu dürfen. 


Lisa-Marie Oelke und Ellen Festerling