Vom 10. bis 16. Mai 2025 hatten acht Studierende des Fachbereichs Sozialwesen die Gelegenheit, im Rahmen eines Mini-Erasmus-Programms soziale Einrichtungen in der Bretagne kennenzulernen. Im Mittelpunkt stand der fachliche Austausch mit französischen Kolleginnen und Kollegen, Besuche in sozialen Einrichtungen und das Kennenlernen verschiedener Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit in Frankreich.
Nach einem Besuch des Mont St. Michel am Sonntag startete unser Programm am Montag mit einem Besuch der Askoria in Rennes, eine der künftigen Partnerhochschulen des Fachbereichs Sozialwesen der EAH Jena. Die Ausbildung dort ist stark praxisorientiert und in verschiedene Fachrichtungen gegliedert, etwa für die Arbeit mit Kindern, Menschen mit Behinderung oder in verwaltenden Bereichen. Besonders beeindruckt hat uns das sogenannte HUMANLAB, ein Kreativraum, in dem mit 3D-Druckern und anderen technischen Mitteln inklusive Hilfsmittel entwickelt werden. Die Studierenden können hier eigene Projekte verwirklichen, was die Förderung von Eigeninitiative und Partizipation in der Ausbildung besonders unterstreicht.
Am Nachmittag besuchten wir dann ein Pflegeheim, das sich durch ein innovatives, menschenzentriertes Konzept auszeichnet. Der Heimleiter verfolgt einen Ansatz, bei dem das Heim nicht nur ein Ort der Pflege, sondern auch ein Raum der Begegnung ist – sowohl für Bewohnerinnen und Bewohner als auch für Angehörige und Personal. Besonders spannend war seine Haltung im Umgang mit Demenz: Statt Räume abzuschließen, setzt er auf Offenheit und Vertrauen in die Mobilität der Bewohnerinnen und Bewohner. Der Besuch hat uns gezeigt, wie kreativ und offen Altenpflege gestaltet werden kann.
Der Dienstag begann mit einem Besuch in einer Militärkrippe in Brest. Die Krippe richtet sich vorrangig an Familien des französischen Verteidigungsministeriums und bietet Platz für rund 60 Kinder. Die Einrichtung legt großen Wert auf individuelle Betreuung, Inklusion und die Unterstützung von Familien mit unregelmäßigen Arbeitszeiten. Hier wurde uns nähergebracht, wie frühkindliche Betreuung in Frankreich organisiert ist und welche Bedeutung sie für beruflich stark eingebundene Eltern hat.
Am Nachmittag fuhren wir noch nach Morlaix, wo wir den Verein „Chiffonniers de la joie“ besuchten. Der Verein verbindet soziale Integration und Umweltschutz: In einem Secondhand-Laden werden Möbel, Kleidung und Alltagsgegenstände verkauft, die zuvor gespendet und oft in vereinseigenen Werkstätten repariert oder upgecycelt wurden. Menschen in schwierigen Lebenslagen erhalten hier nicht nur einen Wohnraum, sondern auch eine Arbeitsstelle und individuelle Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen.
Am Mittwoch stand zunächst der Besuch bei ADALEA in Saint-Brieuc auf dem Programm. Der Verein wurde gegründet, um wohnungslose Menschen zu unterstützen, und hat sich seither zu einer vielseitigen sozialen Organisation entwickelt. Neben Notunterkünften bietet ADALEA auch Bildungsangebote, Beratungen und Schutzräume für Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Der Verein arbeitet dabei mit vielen anderen Institutionen zusammen, beispielweise Fahrschulen, die vergünstigte Fahrstunden für Klientinnen und Klienten anbieten, um deren berufliche Integration zu erleichtern. Der Besuch verdeutlichte, wie wichtig solidarische Netzwerke und partizipative Ansätze, insbesondere in eher ländlichen Regionen, sind.
Am Nachmittag besuchten wir dann noch eine Einrichtung zur Unterstützung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter. Die Jugendlichen erhalten dort eine Unterkunft sowie individuelle Sprachförderung, Bildungsunterstützung und Begleitung im Alltag. Ziel ist es, ihnen einen sicheren Rahmen zu bieten, in dem sie selbstständig und integriert leben können. Wir bekamen einen guten Einblick, wie vielschichtig die Arbeit mit jungen Geflüchteten ist.
Am letzten Tag nahmen wir dann noch an einer Debatte zum Thema „Soziale Arbeit in Zeiten von Rechtspopulismus“ an der Askoria Rennes teil. Gemeinsam mit französischen Studierenden entwickelten wir Ideen, wie Soziale Arbeit zur Stärkung von Demokratie und Menschenrechten beitragen kann. Später am Tag ging es für uns als Abschluss nach Saint-Malo, wo wir bei bestem Wetter die kleine Küstenstadt erkundeten und den Tag ausklingen ließen.
Insgesamt war die Woche in der Bretagne eine wertvolle Erfahrung, fachlich wie persönlich. Wir konnten vielfältige Einblicke in die Praxis der Sozialen Arbeit in Frankreich gewinnen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten reflektieren und dadurch unsere eigene Perspektive erweitern.
Antony Denny Stark, Henriette Wünsch, Ronja Ehrhardt, Johanna Borgas, Amelie Sarembe, Julie Reiche, Nelly König und Martha Voigt